#137 – Retro Windows PC Challenge

Vor einigen Tagen kam mein Kumpel Max auf mich zu und meinte er hat als Auftrag von seinem Onkel bekommen, die Daten auf einem alten PC-System seines verstorbenen Großvaters, zu sichten und ggf. zu sichern. An sich dürfte das ja kein Problem sein, oder?

Er hat gefragt, ob ich noch alte Mäuse, Tastaturen sowie einen alten VGA-Bildschirm habe, mit dem wir die Kiste zum Laufen bekommen könnten. Mit so einer Anfrage ist er bei mir genau beim Richtigen gelandet! 😉 Ich war so überheblich und meinte, wir bekommen das locker hin – ob ich damit etwas zu vorschnell war?

So sieht das gute Stück von vorne aus. Ein richtig schöner alter Tower mit Disketten- und CD-Laufwerk. Eigentlich hätten der Turbo-Knopf sowie die zwei Siebensegmentanzeigen bereits ein Indiz sein können, was für ein altes System mich da erwartet, aber ich war wohl zu naiv… 😀

Fun Fact: Entgegen dem progressiven Namen „Turbo-Knopf“ kann man damit den Rechner nicht schneller machen, sondern lediglich die Taktfrequenz der CPU verlangsamen um ältere Software/Spiele in der richtigen Geschwindigkeit zum Laufen zu bekommen – kein Witz! Auf den Segmentanzeigen lässt sich dann die aktuell eingestellte CPU-Frequenz (je nach Jumpereinstellungen in ein Anzeigemuster kodiert) einsehen – RAKETENTECHNOLOGIE!!! 😀

Spätestens beim Blick auf die Rückseite des PCs musste selbst ich kurz schlucken! 😀 Ich hatte ursprünglich vermutet, dass es sich um ein altes PC-System mit Windows XP oder vielleicht im dümmsten Fall Windows 2000 handelt, aber auf so alte Anschlüsse war ich nicht gefasst!

Uff – eigentlich hatte ich mit einer (auch schon eher altertümlichen) PS/2-Schnittstelle zum Anschluss der Peripheriegeräte gerechnet, aber die Maus wird über einen neunpoligen, seriellen D-Sub-Stecker (RS-232) angeschlossen. Für die Tastatur steht sogar lediglich nur ein alter, fünfpoliger DIN 41524-Anschluss am Mainboard zur Verfügung. Dazu gesellen sich ein Parallelport, eine SCSI-Schnittstelle, eine Grafikkarte mit VGA-Anschluss sowie eine Soundkarte mit Gameport. USB-Ports? Fehlanzeige! 😀

Fun Fact: Tatsächlich wurden gerade ältere Soundkarte (z.B. Creative Labs Sound Blaster) häufig mit einem Gameport kombiniert. Damit ließen sich Joysticks und Gamepads, wie beispielsweise die Microsoft SideWinder Controller seriell an einem PC anschließen. Heutzutage hat das – dank USB und Bluetooth – alles keine Relevanz mehr! 😉

Von innen sieht die Kiste nach meinem Empfinden relativ „leer“ aus. Zugegeben – die breiten grauen Flachbandkabel lassen den Tower voller wirken als er eigentlich ist. Hier drin herrscht wirklich Retro-Action vom Feinsten! Verbaut ist ein altes Sayo-Mainboard (SY-5BT5) samt Pentium-Prozessor. An einem der alten ISA-Steckplätze hängt eine Trident-Grafikkarte und das System kommt scheinbar mit nur einem RAM-Riegel aus. Das CD- und Diskettenlaufwerk sind über die IDE-Controller (ATA) auf dem Mainboard angeschlossen.

Doch was sehen meine Augen da? Die Festplatte ist ja gar nicht über IDE mit dem Mainboard verbunden, sondern hängt direkt mit einem 50-poligen Flachbandkabel an einem SCSI-Controller (PCI-Karte). Puh, so viel zu meiner Idee, die Platte einfach auszubauen und über einen IDE-to-USB-Adapter an einen PC anzuschließen. Mit einer SCSI-Platte wird das natürlich schwierig… 😦

Ich befürchte wir kommen nicht drum herum zu versuchen, das System tatsächlich zum Laufen zu bekommen. Da ich keine DIN-Tastatur und serielle Maus mehr besitze, hat der gute Max gleich zwei passende Adapter geordert:

Na, dann muss das gute Stück ja nur noch verkabelt werden:

Die Spannung steigt – ob die Mühle überhaupt noch läuft?! POWER ON!

Fun Fact: An dieser Stelle muss ich mich für die nicht ganz so qualitativen Bilder in diesem Beitrag entschuldigen. Wir haben die Kisten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zum Fliegen gebracht und wie es immer so ist, lief nicht immer alles nach Plan! 😀

Tatsächlich – das System startet, der POST (Power-on self-test) läuft durch und wir sehen, dass ein Pentium MMX mit 200Mhz und 64MB RAM verbaut sind. Lediglich ein CMOS-Fehler poppt uns entgegen, welcher auf eine leere BIOS-Batterie hindeutet….

Da ist er ja, der Übeltäter! Gott sei Dank ist das kein Problem und das System lässt sich auch mit den BIOS-Defaults starten. Und wenn ich ehrlich bin ist es mehr als erstaunlich, dass die Batterie scheinbar der einzige Defekt bei dem PC ist, der seit knapp 20 Jahren nicht mehr gestartet wurde – echt irre! 😀

Für das, dass der PC so alte Anschlüsse hat, war ich mehr als überrascht zu sehen, dass Windows 98 als Betriebssystem installiert wurde. Um ehrlich zu sein hatte ich vom äußeren Eindruck her fast mit „Schlimmeren“ (z.B. Windows 3.11) gerechnet – Glück gehabt! 🙂

Ich bin froh, dass sich Max noch an das Passwort erinnert (bzw. es erraten) hat, so war die erste Hürde schnell überwunden. Andernfalls hätten wir das Passwort mit einem „Workaround“ umgehen müssen! 😉

Leider mussten wir feststellen, dass der serielle Mausadapter seinen Dienst verweigerte. Eine Analyse des Problems wäre sehr aufwändig, denn es kann zahlreiche Ursachen wie z.B. gelöschte COM-Settings im BIOS dank leerer Batterie, fehlende Treiber für den seriellen Adapter, nicht unterstützte Maus, etc. haben. Bleibt also nichts anderes übrig als das System ausschließlich mit der Tastatur zu steuern – heftig! 😀

Auf dem Desktop angekommen, fühlt man sich so als wäre man in eine Zeitmaschine ein- und zur Jahrtausendwende wieder ausgestiegen. Paint, WordPad, StarOffice, Internet Explorer und der gute alte „Aktenkoffer“ zur Dateisynchronisation mit Wechseldatenträgern (Disketten, USB-Sticks) lassen das Nostalgiker-Herz höherschlagen! 😉

Die Microsoft Office-Klassiker, wie z.B. „Word“ dürfen natürlich auch nicht fehlen. Mann – Word 95 – das waren noch Zeiten… 😀

Ach ja, es geht doch nichts über das „klassische“ Startmenü. So schön aufgeräumt, so schön strukturiert. Keine nervigen Widgets oder Apps mit Newsfeeds, Schlagzeilen oder Wetterberichten und last but not least – keine bunten Kacheln. Die Welt war mal schön! 🙂

Fun Fact: Beim Ausführen von „run-Commands“ (Windows-Taste + „R“) ist aufgefallen, dass Windows 98 zahlreiche gängige Befehle (wie z.B. „devmgmt.msc“ zum Aufruf des Gerätemanagers oder „taskmgr“ für den Taskmanager) noch nicht kann! Schon verrückt wie viel man damals noch händisch machen musste aber eigentlich kein Wunder, wenn man bedenkt, dass das System auch schon wieder 22 Jahre alt ist! 😉

Soweit, so gut, jetzt gilt es eigentlich nur noch den eigentlichen Auftrag (Stichwort „Datenrettung“) zu erledigen. Richtig viele können es nicht sein, denn die verbaute Festplatte ist tatsächlich nur schlanke 4GB groß, von denen nicht mal 1GB an Daten (inklusive Betriebssystem und Anwendungen) belegt ist! 😀

Nach einer Prüfung, wie viele Daten überhaupt gerettet werden müssen, stellte sich heraus, dass es nur knapp 30MB mit einigen Bildern aus vergangenen Tagen sind. Eigentlich ist das keine große Datenmenge, doch wie macht man das bei einem System, welches noch keine USB-Ports hat? 😀

Ich war natürlich vorbereitet und habe extra eine Hand voll Disketten zum Kopieren bereitgelegt, aber leider waren einige der zu sichernden Dateien größer als 1,38MB und würden somit nicht auf eine Diskette passen – Mist! xD

Theoretisch könnte man jetzt versuchen die Dateien in ein in Einzelteile zerstückeltes ZIP-Archiv zu komprimieren („zippen“) und mit mehreren Kopiervorgängen auf die einzelnen Disketten zu übertragen. Ich habe es mal überschlagen – dafür bräuchte man ca. 22 Disketten und verdammt viel Zeit und Geduld – nein danke! 🙂

Ebenso war auf dem System „WinZip“ nicht installiert. Tatsächlich haben wir anfangs einige Versuche unternommen eine alte Version der Software (6.1 von 1996 und 8.0 von 2000) zum Laufen zu bekommen – ich würde sagen mit eher gemischtem Erfolg. Teilweise waren die Versionen so alt, dass sie nicht mit gesplitteten Archiven zurechtkamen. Ebenfalls kamen einige ungeplante Diskettenlese- und Schreibfehler dazu – der übliche IT-Wahnsinn eben… 🙂

Fun Fact: Die einzelnen Versionen mussten natürlich auf einem PC mit Internet heruntergeladen und anschließend auf einer Diskette gespeichert werden. Anfangs habe ich das noch mit dem PC aus Artikel 17 gemacht, später dann haben wir ein Lenovo ThinkPad Convertible genommen und daran ein USB-Diskettenlaufwerk angeschlossen um das Chaos perfekt zu machen! 😉

Hm – ne, das ist alles keine gute Lösung, das muss doch irgendwie besser gehen… Nach Auslotung der übriggebliebenen Optionen ist mir eingefallen, dass ich noch einen IDE-CD-Brenner von LG herumliegen hatte – könnte das die Rettung sein?

Einen Versuch ist es allemal wert. Also, schnell das CD-Laufwerk aus- und den Brenner einbauen. Hardware-Operationen am offenen Herzen, na das haben wir gern! 😀

Zumindest wird der Brenner sofort von Windows 98 (auch ohne zusätzliche Treiberinstallation) erkannt und auch das Lesen einer Audio-CD hat ohne Probleme geklappt. Bitte fragt mich jetzt aber nicht, wieso die blöde Abspielsoftware keinen Sound ausgegeben hat, obwohl die Windows-Sounds funktioniert haben. Ich denke das ist ein Problem, welches ich nicht mehr in diesem Leben lösen werde… 😉

Die letzte Challenge bestand dann „nur noch“ darin, ein Brennprogramm finden, welches einerseits noch unter Windows 98 läuft und andererseits klein genug ist, sodass wir es mit nur einer Diskette auf den PC übertragen können.

Letztendlich ist es mit „ImgBurn“ (Version 2.1.0.0 aus dem Jahre 2006, ca. 1MB) ein alter Bekannter von mir geworden. Die Software verwende ich selbst heute noch zum Brennen von CDs. Ich weiß, ich weiß – wer brennt heutzutage noch CDs? Ich! 😛

Mit ImgBurn haben wir dann ein ISO-Image der zu sichernden Dateien erstellt und dieses auf CD gebrannt. Tatsächlich hatte ich noch ein paar verschiedene CD-Rohlinge herumliegen. Ich würde mal vermuten, dass das heutzutage nicht mehr selbstverständlich ist… 😉

Fun Fact: Nur nochmal zur Erinnerung – das alles musste komplett ohne Maus erledigt werden! Diese Einschränkung verlieh der – sowie so schon absoluten – Retro-Challenge quasi noch einen zusätzlichen Reiz 😀

Wie dem auch sei – nach mehreren Stunden Kampf mit dem alten Computer war es geschafft und wir konnten ihn zurück in seinen wohlverdienten Schlaf schicken. Im Nachhinein betrachtet hätte man vermutlich auch einfach eine weitere IDE-Festplatte verbauen und die Daten über diesen Weg sichern können. Tja, was soll ich sagen? Im Nachhinein ist man immer schlauer…

In diesem Sinne – gute Nacht alter Retro-PC. Auf dass du auch noch in 20 Jahre funktionierst! 😉

Bis die Tage, ciao!

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