#118 – Adieu Monkey Island

Während ich beim letzten Mal kaum aus dem Schwärmen herausgekommen bin, wird es heute Zeit etwas kritischere Töne anzustimmen und auch die schwächeren Seiten der Monkey Island-Reihe aufzuzeigen. Was hat er gesagt?! Wie kann das sein…?

Eigentlich fing doch alles so gut an. Die Jahrtausendwende war ohne größeren Einfluss des gefürchteten Y2K-Bugs (in deutschen Gefilden als Jahr-2000-Problem bekannt) geschafft und mit „Flucht von Monkey Island“ war für Oktober ein neuer Teil der Monkey Island Serie angekündigt. Eigentlich alles gut, oder?

Wie sehr man sich doch täuschen kann… 😀

Fun Fact: Ich selbst habe immer nur die PS2-Version gespielt (weil ich nur diese besitze), aber für diesen Blogartikel habe ich aufgrund der besseren Aufnahmemöglichkeiten Screenshots der PC-Version gemacht.

Doch der Reihe nach… Das positive zuerst: Die Story knüpft direkt am Vorgänger an. Guybrush und Elaine sind aus den Flitterwochen zurück und wie immer findet sich unser Protagonist zu Beginn des Spiels in einer brenzligen Lage (das hat ja schon fast Tradition 🙂 )! Dieses Mal ist er an den Mast seines eigenen Schiffs gefesselt, während Elaine in einen Schwertkampf mit ein paar Bösewichten, die das Schiff entern wollen, verwickelt ist.

Natürlich schafft es Guybrush sich auf mehr oder wenig kreative Art aus der Situation zu retten. Erst mal auf Mêlée Island angekommen, müssen die beiden aber feststellen, dass sie durch ihre dreimonatige Abwesenheit für „tot“ erklärt wurden und somit Elaine ihren Posten als Gouverneurin verloren hat. Und es kommt noch dicker: Ein gewisser Charles L. Charles bewirbt sich um den Posten des Gouverneurs und hat inzwischen ein Katapult anrollen lassen, um Elaines Villa abzureißen!

Statt sich mit Dämonenflüchen oder zwielichtigen Schurken herumzuschlagen, soll Guybrush sich mit den Anwälten der Marley-Familie auf Lucre Island treffen um rechtliche Möglichkeiten zu finden, wie sie sich gegen die Enteignung der Villa wehren können – WTF?!

Fun Fact: Immerhin wird er von Elaine beauftragt das Katapult zu zerstören. Wie das geht, möchte ich an dieser Stelle nicht spoilern… 😉

Die Story driftet anschließend noch weiter ab. So muss Guybrush seine Unschuld beweisen, weil ihm ein Bankraub angehängt wird. Ebenso trifft er auf skurrile Figuren, wie einen australischen Unternehmer namens Ozzie Mandrill, welcher die ganze Karibik aufkaufen, von der Piraterie beseitigen und touristenfreundlicher umgestalten möchte. Leider ist das Spiel voll von solchen Absurditäten – ich möchte gar nicht weiter ausführen, wie Kunsthaut auf einem Gullideckel, ein überdimensionaler Affenroboter und ein nerviges Minigame namens „Monkey Kombat“ ins Bild passen…

Fun Fact: Habe ich schon erwähnt, dass LeChuck den Investor Mandrill an einer Stelle als „australische Tunte“ bezeichnet? Seriously – WTF! 😀

Es wird generell viel Konsumkritik geübt und der Wandel der Karibik hin zum Tourismusschauplatz thematisiert. So wie die Piraterie nichts mehr in dieser modernen Welt verloren hat, kommen einem die Gegenstände, die man in dem Adventure einsammeln muss, teils sehr merkwürdig vor. Hättet ihr gedacht, dass eine Musikbox, eine Dose Hühnerschmalz oder Tupperware Platz im Monkey Island Universum haben? Ich nicht…

Die Spielengine (GrimE) wurde von Grim Fandango übernommen und für Monkey Island 4 nur etwas überarbeitet. Leider liegt auch exakt darin einer der größten Kritikpunkte des Spiels: Die umständliche Panzersteuerung! Anstatt Point-and-Click-Steuerung mit der Maus kann Guybrush nur über die Tastatur in umständlichster Manier gesteuert werden. So werden selbst einfache Aufgaben wie „Rede mit …“ oder „Gehe über eine Brücke“ zu absoluten Herausforderungen. Auf der PS2 steuert es sich dank Controller noch etwas besser, aber dennoch wirkt die Steuerung extrem umständlich und altbacken.

Fun Fact: Ich denke ein Remake (ähnliche wie im Falle von Grim Fandango) könnte hier die Probleme mit neuen, alternativen Steuerungsoptionen beseitigen, aber die Chancen, dass so etwas passiert sind eher gering.

Was die Charaktere angeht sind die meisten alten Bekannten wieder an Board. So trifft man z.B. gleich zu Beginn auf Mêlée Island auf Otis und Carla die Schwertmeisterin, welche man (wie im ersten Teil) für seine Crew rekrutieren kann. Selbstverständlich sind auch Dauerbrenner wie Stan und die Voodoo-Lady mit an Bord. Dickes Plus: Die Synchronsprecher der einzelnen Charaktere sind gleichgeblieben – so fühlen sich die Dialoge gleich vertraut an.

Was die Grafik angeht wurde zum ersten Mal der Sprung in die dritte Dimension gewagt. Über das Ergebnis lässt sich streiten. Mir persönlich gefallen die Hintergründe gut, während ich mit der klobigen Optik der Figuren nicht viel anfangen kann. So unproportional hatte ich die Voodoo-Lady nicht in Erinnerung! 😀

Fun Fact: Wer sich über die merkwürdig, fehl am Platz wirkenden Striche in Screenshots wundert: Eigentlich läuft das Spiel nur mit 640×480 (rechts im Bild), aber dank spezieller Patches lässt sich eine höhere Auflösung (links im Bild) erzwingen. Diese führt jedoch leider zu ein paar Grafikfehlern. Naja, einen Tod muss man sterben… 😀

Die Cutscenes bleiben leider trotz Patch bei einer Auflösung von 640×480 Pixeln und das sieht man ihnen auch an. Ich bin niemand, dem eine beeindruckende Grafik wichtig ist, wenn das Gameplay stimmt, aber selbst für mich sieht das irgendwie nach einem Verschnitt aus „Adobe Flash“ und „Windows Paint“ aus… 😉

Zumindest der Humor ist noch vorhanden und befindet sich auf einem ähnlichen Niveau wie in den Vorgängern. So reagiert z.B. die Voodoo-Lady auf Guybrushs Frage, warum sie immer auftaucht, wenn er in Schwierigkeiten steckt, mit der Antwort: „Vielleicht, weil das Schicksal unsere Lebensfäden miteinander verwoben hat – oder weil ich mit LucasArts einen Knebelvertrag für fünf Spiele habe!“ 😀 Oder die Tatsache, dass man die Dartspieler in der Scumm-Bar dazu überreden kann, einen Pfeil auf den Bildschirm zu werfen, sodass dessen Glasscheibe springt! 🙂

Fazit: Teil vier war in mehrerlei Hinsicht leider ein krasser Abstieg und wird von vielen Fans bis heute absichtlich ignoriert. Für mich persönlich sind vor allem die alberne, an den Haaren herbeigezogene Story, die schlecht gealterte 3D-Grafik und die Steuerung die größten Kritikpunkte. Monkey Island 4 ist kein gutes Spiel, aber zumindest beinhaltet es den für die Serie typischen Humor und die genialen Synchronsprecher. Eins ist aber klar – der Titel kommt einfach bei weitem nicht an seine drei Vorgänger ran. Zugegeben – die Latte lag nach dem dritten Teil aber auch sehr hoch! 😉

Fun Fact: Es ist schon ironisch – auf der Rückseite der Verpackung steht „Jetzt in Skorbut-erregendem 3D“ – sie haben nicht gelogen… 😀

Ebenso markierte Flucht von Monkey Island fürs erste das Ende der kultigen Reihe und es wurde einige Jahre sehr still rund um den tollpatschigen Antihelden Guybrush.

Erst im Jahre 2009 versuchte das Entwicklerstudio Telltale Games im Auftrag von LucasArts sein Glück und brachte mit „Tales of Monkey Island“ den fünften Teil der Reihe heraus. Das Adventure wurde anfangs leider nur digital im Episodenformat (fünf einzelne Episoden) veröffentlicht.

Was für ein Glück, dass Daedalic Entertainment 2010 beschloss für den deutschsprachigen Raum eine eigene Version (mit allen fünf Episoden) zu veröffentlichten. Nicht nur wurde diese vollständig eingedeutscht, auch gab es sie als physisches Release auf DVD – sehr lobenswert! 🙂

In klassischer Monkey Island-Manier befindet sich Guybrush gleich zu Beginn des Spiels in einer eher heiklen Situation. Seine Frau Elaine wurde von LeChuck gefangen genommen und wir müssen es schaffen, seine Herzensdame zu retten. 🙂

Bei dem Versuch, LeChuck mit einem magischen Voodoo-Schwert zu töten, unterläuft Guybrush ein „kleines“ Missgeschick und er entfesselt versehentlich einen schrecklichen Voodoo-Fluch, welcher seine Hand befällt und durch eine Verkettung unglücklicher Umstände zu einer großen Explosion des Schiffes führt. Guybrush findet sich am Strand von Flotsam Island wieder…

Überraschenderweise verwandelt sich LeChuck derweil in einen liebenswerten, hilfsbereiten Menschen zurück welcher Guybrush bei seinem Abenteuer sogar unter die Arme greift. Das klingt einfach zu absurd um wahr zu sein – ich ahne einen Plot-Twist… 😉

Auf Flotsam Island selbst hängt Guybrush dann erst mal fest, weil auf mysteriöse Art und Weise die Winde nur landeinwärts wehen. Dahinter steckt natürlich ein weiterer Bösewicht, der Marquis de Singe! Er möchte durch die Manipulation der Winde mit einer antiken Windsteuerungsmaschine Patienten für seine Arztpraxis auf Flotsam Island wehen. U.a. hat er es auch auf unsere mit dem Fluch besessene Hand abgesehen!

Fun Fact: Selbstverständlich hat der Bösewicht im Verlauf des Spiels noch weitere Gemeinheiten und finsteren Pläne auf Lager, aber mehr wird an dieser Stelle nicht verraten! 😉

Wie das alles mit „Pocken“ und einem gigantischen Schwamm namens „La Esponja Grande“ zu tun hat bleibt an dieser Stelle eurer Fantasie überlassen! 😉 Aber ich will nicht meckern, die Story ist meiner Meinung nach gelungen. Man merkt sofort, dass einige der ursprünglichen Monkey Island-Mitarbeiter (z.B. Michael Stemmle, Dave Grossman) mit an dem Spiel gearbeitet haben. Auch der sehr gelungene Soundtrack fängt das klassische Karibik-Feeling ein – kein Wunder, denn hierfür war abermals Michael Land mit verantwortlich.

Für die volle Dröhnung Nostalgie sind neben den drei Hauptprotagonisten (Guybrush, Elaine und LeChuck) sogar einige alte Charaktere wie der sprechende Totenschädel Murray, der Verkäufer Stan oder die Voodoo-Lady dabei!

Von den neu hinzugekommenen Charakteren ist mir vor allem Morgan LeFlay im Gedächtnis geblieben. Sie macht im Auftrag des bösartigen Marquis Jagd auf Guybrush (und hackt ihm an einer Stelle des Spiels sogar die Hand ab), hat aber eigentlich eine gute Seele.

Die Steuerung ist leider immer noch alles andere als perfekt und definitiv gewöhnungsbedürftig. Immerhin hat man nun die Option mit Tastatur oder Maus zu spielen, aber zu einem einfachen „klicke hier hin und Guybrush geht auch hier hin“ der früheren Teile ist auch Telltale nicht zurückgekehrt. Stattdessen muss die linke Maustaste gedrückt gehalten und in verschiedene Richtungen gezogen werden. Ich habe diese Variante als extrem hakelig und unpräzise empfunden und finde, da spielt es sich sogar mit der Tastatur einfacher. Früher war einfach alles besser… 😀

Das Inventar ist dafür recht übersichtlich gestaltet. Hier können – ganz Adventure-typisch – Gegenstände betrachtet oder miteinander kombiniert werden. Für die meisten Gegenstände hat unser blonder Freibeuter sogar einen lustigen Spruch auf den Lippen.

Die Dialoge sind ebenfalls sehr witzig gestaltet und fühlen sich authentisch an. Etwas schade ist, dass in der deutschen Übersetzung die Texte über den Rahmen der Dialogbox hinausragen.

Fun Fact: Adventure-Grundregel Nr. 42: Auch wenn es noch so wenig Sinn ergibt – ich empfehle euch gerade die unsinnigsten Dialogoptionen anzuklicken. Meist springt dabei ein witziger Spruch oder eine Anspielung auf ein anderes bekanntes Franchise raus! 🙂

Was die Rätsel angeht ist das Spiel meistens fair. Natürlich sind ein paar Absurditäten dabei, aber etwas „ratloses Umherirren“ gehört ja fast schon eigentlich zu jedem Adventure dazu! 😉

Alte Bekannte wie der Gummibaum kehren zurück – diesmal nicht als unberechenbares Wurfobjekt für einen Stammwurf-Wettbewerb, sondern als Schiffsmast um Kanonenkugeln zurückzuschleudern! 😀

Schön finde ich auch, dass zu Beginn jeder neuen Episode die Voodoo-Lady die bisherigen Geschehnisse zusammenfasst und mit Tarot-Karten visualisiert! 🙂

Fun Fact: Auch technisch wurde ein gewaltiger Sprung gewagt – das Spiel läuft ohne Probleme in FullHD-Auflösung! Leider hatte ich beim Spielen den ein oder anderen Absturz – es ist immer schwer zu sagen, ob jetzt die Hardwarekonfiguration oder das Spiel an sich schuld ist…

Leider tauchen auch in Tales of Monkey Island einige merkwürdige Elemente wie z.B. ein Gerichtssaal, aus Glas geblasene Einhörner oder eine gebogene Röhre in Buchstabenform („U-Tube“ – ha ha) auf. Außerdem ist von der Auktionsplattform „Ye Bay“ die Rede – sehr clever. Für mich wirkt so Zeug immer etwas „fehl am Platz“ und passt nicht so richtig ins Piraten-Setting – aber das ist nur meine Meinung. Um den Spielern etwas Frisches zu bieten, müssen wohl einige Elemente angepasst werden und „mit der Zeit gehen“…

Lang genug herumgemäkelt – es wird Zeit die Monkey Island Reihe am Horizont verschwinden zu lassen. Im Nachhinein bin ich schon froh darüber, dass Telltale den alten Piraten für ein weiteres Abenteuer wiederbelebt hat. Auch wenn das Spiel nicht ganz an den Glanz der früheren Teile herankommt, ist es trotzdem ein gelungenes Spiel und fängt die Essenz der Monkey Island Reihe gut ein. In jedem Fall ist es eine krasse Steigerung nach dem missratenen vierten Teil und lässt so etwas Hoffnung für die Zukunft. Ob wir Guybrush irgendwann bei einem weiteren Abenteuer begleiten dürfen? Wer weiß…

Was jetzt eigentlich genau das Geheimnis von Monkey Island ist, wird nie richtig aufgeklärt. In einem Interview von 2002 meinte Ron Gilbert mal, dass er definitiv andere Pläne für einen dritten Teil hatte, in dem er dann letztendlich das Geheimnis auflösen wollte. Dazu ist es ja bekanntlich nie gekommen – ich vermute er nimmt es mit ins Grab… 🙂

In diesem Sinne – ich bin dann mal weg – es wird Zeit LeChuck das Handwerk zu legen – ARRRRRRR! 😉

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