#108 – retro(lolo)-Telefon

Preisfrage: Wer hat heutzutage noch einen Festnetzanschluss? 🙂

Es würde mich nicht wundern, wenn jetzt kaum noch einer „HIER“ ruft – ich denke für viele Haushalte hat sich das Thema schon lange erledigt. Jeder hat mittlerweile ein Handy – Verzeihung – Smartphone – und die Notwendigkeit für einen Hausanschluss ist einfach nicht mehr gegeben. Zugegeben, in den meisten DSL-Verträgen ist der Anschluss noch inkludiert, aber ich kenne immer weniger Leute, die tatsächlich ihre „Festnetznummer“ nutzen…

Fun Fact: Selbstverständlich nutze ich selbst das „normale“ Telefon noch regelmäßig, aber der Blog heißt ja nicht umsonst „retrololo“! 😛

Einen richtigen „analogen Telefonanschluss“ hat sowieso schon lange keiner mehr und selbst der digitale Festnetzanschluss via ISDN ist in den letzten Atemzügen. Und selbst wenn man noch eine Festnetznummer (egal über welche Technologie) hat – mit welchem Telefon arbeitet man dann? Heutzutage wird alles über das IP-Protokoll („Voice over IP“, bzw. VoIP) abgefackelt. Entweder man besitzt ein entsprechendes Endgerät mit Netzwerkanschluss oder man hat einen Router mit DECT-Funktion, an welchem man DECT-Endgeräte betreibt. Beliebt sind z.B. die FRITZ!Fons von AVM oder DECT-Telefone von Gigaset.

Fun Fact: „DECT-Endgerät“ – das hört sich schon sehr technisch und kryptisch an. Für mich heißen die Dinger immer noch „Schnurlos-Telefon“! 😀

Erstaunlich finde ich, dass alles was irgendwie mit „Telefon-Technologie“ zu tun hat in der Technik-Welt eine nahezu unvergleichbare Kompatibilität mit älteren Geräten bietet. So lässt sich heute (abhängig natürlich davon in welchem Teil der Erde ihr euch befindet) noch so ziemlich jedes Handy verwenden – wir erinnern uns an mein altes 2G-Sagem-Handy aus Artikel 22.

Das gleiche gilt natürlich nicht nur für Mobiltelefone, denn auch analoge (stationäre) Telefone können heutzutage noch an einer Telefonanlage oder einem Router betrieben werden. Je nachdem welches Setup (Telefon, Router, etc.) man besitzt, kann es aber sein, dass Adapter und Brückentechnologien benötigt werden. Die meisten älteren analogen Telefone lassen sich so z.B. direkt an den FON-Anschlüssen (TAE oder RJ11) einer Fritz!Box betreiben.

Fun Fact: Wer richtig „retro“ sein möchte und zu viel Zeit hat, der könnte sogar ISDN-Geräte (Telefone oder Telefonanlage) an dem FON-S0-Anschluss der Fritz!Box betreiben. Nein danke! 😀

Die vom Telefon verwendete Technologie ist dabei entscheidend. Während neuere analoge Telefone mit dem Mehrfrequenzwahlverfahren (MFV) – international auch DTMF genannt – arbeiten, verwenden z.B. alte Wählscheibentelefone das Impulswahlverfahren (IWV).

Beim MFV wird für jede Ziffer ein Gemisch aus zwei Frequenzen übertragen. In der Vermittlungsstelle (Telefonanlage oder Router) werden dann die Frequenzen herausgefiltert und wie Koordinaten ausgewertet. Links im Bild ein sehr früher Vertreter dieser Gattung, der „Fernsprechtischapparat 71“ (abgekürzt FeTAp) der DBP (Deutschen Bundespost). Rechts im Bild ein etwas moderneres Modell namens „Lombard S“ von der Telekom.

Fun Fact: Ich erinnere mich noch, dass meine Eltern so ein Teil hatten – in knalligem Rot! 😀

Beim IWV enthält die Wählscheibe im Telefon eine Wählschaltung, die beim Wählen Unterbrechungen in der a-Ader des Telefonanschlusses erzeugt. Je nach gewählter Ziffer wird eine entsprechende Anzahl von Unterbrechungen erzeugt. Die Vermittlungsstelle (Telefonanlage oder Router) schließt von der Anzahl der Unterbrechungen auf die gewählte Ziffer. Ein besonders populärer Vertreter ist das „W 48“ der Deutschen Bundespost (links im Bild). Vielleicht kann sich auch der ein oder andere noch an den „Fernsprechtischapparat 61“ erinnern? Das Gerät war neben der Standardausführung (kieselgrau) auch in den dekorativen Farben „farngrün“, „hellrot-orange“, „ockergelb“ und „lachsrot“ erhältlich.

Fun Fact: Im August 1970 führte die Deutsche Bundespost eine Umfrage zu möglichen Farben bei Telefonen durch. Von den 13 möglichen Farben wählte man die genannten vier aus. Der lachsrote Apparat stieß aber nur auf eine geringe Nachfrage und wurde bald wieder aus dem Programm genommen. 😀

Möchte man ein altes Wählscheibentelefon, welches mit Impulswahl (IWV) arbeitet betreiben, benötigt man in den meisten Fällen einen Adapter, welcher IWV auf MFV konvertiert. Das Ding wird einfach zwischen TAE-Dose („Telekommunikation-Anschluss-Einheit“) und Telefon gestöpselt und benötigt in den meisten Fällen nicht mal Strom. Es gibt zahlreiche (teils recht kostspielige) Varianten, ich habe so ein Teil mal vor Jahren gekauft, weil der damalige Router kein IWV mehr unterstützt hat:

Fun Fact: Tatsächlich können die meisten Fritz!Box-Modelle bis heute – auch wenn die Funktion schon vor langer Zeit vom Hersteller abgekündigt wird – nativ noch das IWV verstehen. Lediglich die neuesten Modelle (z.B. 7590) können damit nicht mehr umgehen.

Das ist ja schön und gut, aber warum erzähle ich euch das eigentlich alles? 😀

Nun, was soll ich schon groß sagen, im Endeffekt ist es ja schon fast selbstverständlich, dass ich als Retro-Fan auch so ein altes Telefon besitzen muss! 😛

Fun Fact: Das Häkeldeckchen darunter ist natürlich Pflicht und gehört zum optischen Gesamtpaket einfach dazu. Das Teil wurde vor ein paar Jahren von meiner Oma angefertigt! 🙂

Auch wenn es alt ausschaut, ist es weder eine Rarität noch etwas Besonderes. Es ist ein Gerät vom Typ „DFeAp 301 Lyon“ und wurde vermutlich für den Export (z.B. Niederlande, Schweiz oder Frankreich) gebaut. Gut erkennbar ist das an der nicht geflochtenen Hörerschnur und dem Lautstärkeregler auf der Unterseite des Geräts. Diese Geräte wurden in den Achtzigern produziert, da es eine große Nachfrage nach Modellen mit etwas „exklusiverer Optik“ als den typischen Plastik-Telefonen gab. Als Kunde der deutschen Bundespost konnte man gegen Aufpreis so ein Modell erhalten, wenn man keine Lust auf das Standard W 48 Bakelit-Telefon hatte.

Gesteuert wird das Telefon selbstverständlich über eine Wählscheibe. Eins kann ich euch sagen – es fühlt sich einfach verdammt befriedigend an, damit eine Telefonnummer zu wählen. Fehlt nur noch der Ledersessel, ein Bademantel, eine Pfeife und ein Glas Whiskey und dann kann ein gepflegtes Gespräch unter Gentlemen beginnen! 😉

Spaßeshalber habe ich das Telefon mal aufgeschraubt um mir die Innereien anzusehen. Mann, das war noch Technik. Alles sehr simpel und bedarfsgerecht aufgebaut. Hier würde ich mich im Notfall vermutlich auch noch mit dem Lötkolben herantrauen! 😉

Fun Fact: Den Schaumstoff habe ich absichtlich eingelegt, damit das Teil beim Klingeln nicht so extrem laut scheppert. Selbst auf einer niedrigen Einstellung ist das Gebimmel ganz schön laut! 😀

Tatsächlich benötigt das Telefon keinen Adapter und hängt einfach direkt an der TAE-Dose (und die führt zum FON1-Port der Fritz!Box). Dementsprechend braucht das Telefon auch keinen Strom, es reicht tatsächlich die „Klingelspannung“ auf der Telefonleitung aus. Das nenne ich mal „Eco-Modell“! 😀

Wer sich wundert, was sich in der grauen Box befindet aus der das Telefonkabel herauskommt: Hier werden die Leitungen aller TAE-Dosen (sowie die Drähte der Türklingelanlage) zusammengeführt. Eins kann ich euch sagen – herauszufinden welche Leitung für was gut ist und wie alles verdrahtet werden muss, damit auch ja jedes Endgerät funktioniert war eine richtige „Retro-Challenge“. Ich hoffe ich muss das Ding nie wieder aufschrauben und an der Ecke hinlangen! 😀

Aber was soll ich sagen, alles funktioniert so wie es soll. Manchmal gönne ich es mir und telefoniere etwas mit dem alten Telefon. So bleiben die grauen Zellen fit, weil man sich ja jede Telefonnummer merken muss (oder ein schlaues Telefonbuch – egal ob digital oder offline – zur Hand hat). Es hat einfach einen gewissen Charme, den ein Fritz!Fon dir nicht bieten kann! 🙂

Fun Fact: Natürlich besitze ich zusätzlich zum Telefonieren auch ein paar „Schnurlostelefone“. Ich gebe es ja zu – die Dinger sind für ein schnelles Gespräch einfach praktischer, alleine schon der Tatsache geschuldet, dass sie nicht stationär an einem Ort verweilen müssen.

Eine Sache, die mich an dem Retro-Telefon leider wirklich stört, ist die fehlende Nummernanzeige. Heutzutage ist das nichts Besonderes mehr, aber früher war das ein gängiges Problem! Aus diesem Grund boten einige Hersteller Zusatzgeräte an, die man zwischen Leitung und Telefon schalten konnte, welche diese Aufgabe übernahmen. Solche Geräte boten einen recht unterschiedlichen Funktionsumfang. Von einer einfachen Nummernanzeige bis hin zu einem Anrufbeantworter samt Nummernspeicher war alles möglich.

Fun Fact: Viele der Geräte schimpfen sich „Call ID“. Einige heißen auch „Call Boy“, welch cleverer Schachzug der Marketingabteilung! 😀

Leider sind die ganzen Anbieter mittlerweile vom Markt verschwunden und selbst gebraucht ist es nicht ganz einfach an so ein Teil heranzukommen. Tatsächlich gibt es interessante Ansätze so etwas mit Hilfe eines Arduinos nachzubauen, aber das passt nicht wirklich gut zu so einem alten Telefon. Ganz klar – hier muss Retro-Hardware her! 😉

Nach längerer Suche bin ich in der elektronischen Bucht dann doch noch fündig geworden und habe für ganze fünf Euro folgendes Gerät ersteigert:

Ein Profoon PCI-27B. Selbst in den großen Weiten des Internets findet man kaum noch Infos über das Gerät (wie bei allen diesen Rufnummern-Anzeige-Geräten aus grauer Vorzeit). Ich weiß eigentlich nur, dass es in Holland produziert wurde und die Rufnummer eines Anrufers anzeigen soll… 😀

Fun Fact: Erst einige Zeit später habe ich im Netz tatsächlich noch eine deutsche Bedienungsanleitung gefunden. Das Internet ist schon ein lustiger Ort… 🙂

Was die Stromversorgung angeht, kann das Gerät über vier AA-Batterien oder alternativ über ein 9V-Netzteil mit mindestens 200mA betrieben werden.

Beim Öffnen des Batteriefachs kamen mir vier ausgelaufene Batterien entgegen, welche einiges an Korrosion an den Batteriekontakten hinterlassen haben. Nicht schön, aber damit muss man wohl rechnen, wenn das Gerät „als ungetestet, bzw. defekt“ verkauft wird! 😀

Natürlich habe ich die alten Batterien samt Säure entfernt, aber letztendlich möchte ich das Teil sowieso über ein Netzteil betreiben. Da kein originales mit dabei war, habe ich zum Testen einfach ein Universalnetzteil (mit unterschiedlichen Steckern) angeschlossen – immer gut so etwas zur Hand zu haben! 🙂

Na, dann wollen wir das gute Stück doch mal anschließen. Im Endeffekt muss das Teil nur zwischen das Telefon und die TAE-Dose gehängt werden. Leichter gesagt als getan, denn leider besitzt das Gerät keine TAE-Buchsen sondern verwendet RJ11-Technologie (umgangssprachlich auch „Western-Stecker“ genannt). Immerhin konnte ich die benötigten Adapter und Kabel noch auf Amazon für ein paar Euro ergattern – ich war selbst überrascht, dass die noch sowas anbieten! 😀

Fun Fact: Die beiden RJ11-Kabel (je 2 Meter) haben jeweils 60 Cent gekostet, der TAE-Adapter 2 €. Ich denke das kann man verschmerzen! 😉

So sieht die Verkabelung dann aus. Erinnert mich irgendwie an Früher… 🙂

Fun Fact: Im Endeffekt habe ich mich dazu entschlossen trotzdem den MFV-Konverter prophylaktisch dazwischen zu schalten. Zum einen bin ich dann flexibler, falls ich mal einen anderen Router (der das IWV nicht mehr unterstützt) im Einsatz habe und andererseits bräuchte ich ohne den Konverter weitere Adapterstücke (RJ11-Kupplung und TAE-F/RJ11-Adapterkabel) um die Komponenten zu verkabeln.

Ob das Gerät nach so langer Zeit noch seinen Dienst verrichtet? Probieren geht über Studieren! 🙂 POWER ON!

Und tatsächlich – auf dem Display tut sich etwas!

Nachdem man sich für eine Sprache entschieden hat, kommt man ins Hauptmenü und kann sofort erkennen, dass mich keiner angerufen hat! 😀

Fun Fact: Ich bin bei Englisch geblieben, weil mein Französisch und Holländisch nicht so gut sind :P)

Na, das sollten wir schleunigst mal ändern. Wie heißt es so schön? „Ein paar Telefonate später“…

Tatsächlich zeigt das Gerät nicht nur die Nummer, sondern auch den Namen des Anrufers (sofern dieser im Telefonbuch der Fritz!Box hinterlegt ist) an. Insgesamt können 95 Anrufe gespeichert werden, bis die Einträge überschrieben werden.

Fun Fact: Auch die Uhrzeit stellt sich automatisch mit dem ersten empfangenen Anruf ein – ich bin geplättet – Raketentechnologie?! 😛

Über die Knöpfe auf der Oberseite des Geräts kann man einen entsprechenden Anruf aus dem Speicher auswählen und anzeigen. Es gibt sogar die Möglichkeit über die „Rückruf-Funktion“ den Anrufer gleich quasi „per Knopfdruck“ zurückzurufen – Wahnsinn! 🙂

Fun Fact: Im Falle des Wählscheibentelefons muss man vorher den Hörer abheben, bevor man auf „Rückruf“ drückt, sonst klappt es nicht! 😀

Um sich nicht alle Nummern merken zu müssen, habe ich mir für ganze fünf Euro noch ein kleines Telefonregister (auch Adressregister genannt) gegönnt:

Fun Fact: Ein einfaches Adressbuch hätte es auch getan, aber das wäre ja irgendwie zu langweilig! 😛

Mit Hilfe der Wählscheibe kann man einen (bzw. zwei) Buchstaben wählen. Ist man mit dem Finger unten am „Auslöser“ angekommen, klappt das Buch automatisch die beiden gewählten Seiten auf. Und das alles ohne Strom! Magie? Nein! 😉 dahinter steckt ein einfacher Mechanismus, welcher die in der Mitte unterschiedlich gelochten Blätter einfach im Kreis abfährt und an entsprechender Stelle anhält. Einfach, aber clever! 🙂

Fun Fact: Zugegeben, bei dem Ding ist leider nur die Optik „retro“, da es entgegen des silbernen Designs nur billig aus Plastik und „Made in China“ ist, aber was soll’s. Ich finde das Teil passt trotzdem gut dazu! 🙂

So, wird Zeit, dass wir die Kurve bekommen – genug Retro-Technologie für heute! 🙂

Ich weiß – heutzutage gibt es viel bessere (und vor allem einfachere) Möglichkeiten zu telefonieren. Aber was soll ich sagen – mir gefällt das alte Telefon. Es macht einfach optisch was her und ich bin natürlich begeistert, dass es auch nach so langer Zeit noch verwendet werden kann – und das ganz ohne Upcycling! 😉

In diesem Sinne, „Call on Me“…

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