#89 – Grim Fandango

Vorwort: Ironischerweise passt das Vorwort sogar relativ gut zum heutigen Artikel. Tatsächlich war es reiner Zufall, dass es genau heute mal wieder um ein Videospiel geht. Wie dem auch sei, die Sache ist zu wichtig, um sie einfach unerwähnt zu lassen… 🙂

Kennt ihr die Seite „spielkritik.com“? Dort finden sich eine Vielzahl an interessanten Artikeln rund um das Thema Videospiele und deren Bedeutung als Kulturgegenstand. Die Seite bietet zahlreiche Formate wie z.B. „Pressekritik“, Previews und Kritiken zu Spielen oder dynamischere Ansätze wie z.B. „Slowtalk“, bei welchem sich gleich mehrere Leute ausgiebig über ein Thema unterhalten und deren Gedanken in Form eines Interviews festgehalten werden. Hinter der Seite steht ein kompetentes Redaktionsteam welches euch regelmäßig mit interessanten Beiträgen rund um das Thema Gaming versorgt. Auch gibt es immer wieder sehr empfehlenswerte Gastbeiträge von sogenannten „Gastspielern“.

Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, dass ich nicht schlecht gestaunt habe, als der Chefredakteur einige meiner retrololo-Beiträge gelikt hat! 🙂 Tatsächlich wurde sogar in der Kategorie „Lesenswert“ einer meiner Beiträge (Artikel 48 – N64 Transfer Pak) verlinkt. Ich bin absolut geflashed… 🙂

So, jetzt aber schnell zurück zum eigentlichen Thema, immerhin gibt es heute noch etwas Adventure-Geschichte zu erkunden… 😉

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Ich liebe Adventures. Wer mich kennt oder die letzten Artikel verfolgt hat, weiß, dass ich einfach nicht der Typ für Ego-Shooter, Kampf-, Sport- oder Onlinespiele bin. Hin und wieder darf natürlich auch mal ein anderes Genre wie z.B. ein Platformer, eine Simulation oder ein Puzzelspiel (gibt nichts Besseres als Tetris auf dem Game Boy auf der Toilette) dabei sein, aber ich spiele nun mal einfach gerne (retro) Adventures – meist auf dem PC. So ist es einfach. 🙂

Fun Fact: Das Bild soll nur exemplarisch für ein paar dieser Adventures stehen. Diese von LucasArts veröffentlichte „Zehn Adventure“-Box beheimatet ein paar der populärsten Vertreter des Genres! 🙂

Gerade die frühen Werke von Sierra und LucasArts oder moderne Vertreter wie King Art, Studio Fizbin oder Daedalic Entertainment (um auch ein paar deutsche Entwicklungsstudios zu nennen) haben es mir angetan. Ich liebe es in die Spielwelt einzutauchen und die Storys der (meist) schrulligen Charaktere zu verfolgen. Das Gameplay (meist nur Point-and-Click) ist dabei eher zweitrangig. Es geht mehr um Logik und kreatives Denken als sinnlos Zombis abzuballern. Ich denke am Meisten schätze ich den Humor, welcher häufig in dieser Art von Spielen anzutreffen ist! 🙂

Als klassischen Vertreter dieses Genres möchte ich euch heute das 1998 von LucasArts entwickelte „Grim Fandango“ vorstellen:

In Grim Fandango übernehmen wir die Rolle des charismatischen Manuel „Manny“ Calavera, welcher als „Reiseberater“ beim DOD (Department of Death) in El Marrow angestellt ist und die Reisen anderer verstorbener Seelen organisieren muss. Er ist gezwungen dieser trostlosten Arbeit nachzugehen, weil er zu Lebzeiten nicht genug gute Taten vollbracht hat, um sofort in das „Reich der ewigen Ruhe“ weiterreisen zu dürfen. So muss er seine Schuld abarbeiten, bis er selbst genügend gutes Karma gesammelt hat, um zur „Endstation“ weiterreisen zu dürfen…

Je nach zu Lebzeiten verfolgtem Lebensstil kann die Reise ins Reich der ewigen Ruhe zu Fuß oder via „Zug Nummer Neun“ angetreten werden. Die Fahrt im Zug ist dabei besonders beliebt, da sie anstatt vier Jahren nur vier Minuten dauert. Ob man jedoch eines der begehrten goldenen Nummer-Neun-Tickets erhält, hängt natürlich davon ab, wie man sich zu Lebzeiten verhalten hat. War man ein besserer Mensch, hat man Anspruch auf ein hochqualitativeres „Reisepaket“. Die Reiseberater möchten natürlich möglichst „brave“ verstorbene Kunden aus der Welt der Lebenden abholen um eine gehörige Provision zu kassieren.

Fun Fact: Im Nachhinein betrachtet erinnert mich die Story etwas an die TV-Serie „The Good Place“. Falls ihr diese noch nicht gesehen habt, solltet ihr euch die vier Staffeln definitiv reinziehen! 🙂

Zu Beginn des Spiels fällt unserem Protagonisten auf, dass unter seinen Kunden keine „guten“ Kandidaten für den Nummer Neun Zug mehr sind (im Vergleich zum Kundenstamm seines sinistren Kollegen Domino Hurley). Nicht einmal Mercedes „Meche“ Colomar, die einen vorbildlichen Lebenslauf vorweisen kann, hat laut Computer Anspruch auf einen Fahrschein. Mannys Versuch, diesen Fall zu klären, kostet ihn seinen Job und bringt ihn auf die Straße. Dort trifft er auf den Widerstandskämpfer und Revolutionär Salvador „Sal“ Limones, welcher ihn kurzerhand (etwas unfreiwillig) als Agent im Kampf gegen das korrupte System des DOD rekrutiert.

Als Begleiter (und Fahrer z.B. für Fahrten ins Reich der Lebenden zur Abholung von verstorbenen Seelen) hat Manny dabei „Glottis“ an seiner Seite, ein voluminöser Dämon (eigentlich ist es ein Elementargeist) mit herausragenden Mechaniker-Qualitäten.

Fun Fact: Die Charaktere in Grim Fandango (bis auf Glottis) basieren auf mexikanischen Calaca-Figuren. Diese meist aus Pappmaché hergestellten Skelett-Figuren werden nach alter Tradition zur Feier des Tages der Toten (eigentlich drei Tage des Gedenkens an Verstorbene) angefertigt.

Als „Allzweck-Waffe“ hat unser knochiger Freund immer seine ausklappbare Sense dabei. Mit ihr lassen sich allerlei skurrile Dingen anstellen. So lässt sich z.B. ein Metalldetektor aus einem überdimensionalen Katzenklo fischen. Auch bekommt man ganz Adventure-typisch schnippische Kommentare, wenn man versucht die Sense auf unseren Freund Glottis anzuwenden. Jeder weiß doch, dass man einen Dämon nicht mit einer Sense verängstigen kann! 😀

Fun Fact: Man merkt Manny an, dass ihm seine Sense heilig ist. Er quittiert das häufig mit dem Satz: „Meine Sense – ich trage sie gerne an dem Platz wo früher mein Herz war“! 😀

Im Lauf des Spiels lernt Manny immer mehr über die korrupten Machenschaften der DOD-Organisation, gefälschte Zugtickets sowie mit speziellen Waffen getötete, bzw. „ersprossene“ Seelen.

Fun Fact: Zwar kann man im Reich der Toten (Achtung – nicht mit dem Reich der ewigen Ruhe verwechseln) nicht sterben, trotzdem können die Seelen (durch Skelette dargestellt) entweder für immer planlos durch die Welt wandeln oder „ersprossen“ werden. Beim Ersprießen verwandelen sich die Skelette zu seelenlosen Pflanzen und können somit nicht mehr die ewige Ruhe finden.

Das eigentliche Ziel ist dabei die Rettung von Meche, für welche Manny im Lauf des Spiels auch ein romantisches Interesse entwickelt.

Unser äußerst charmanter Protagonist ist dabei ein wahres „Steh-Auf-Männchen“ und schafft es immer wieder sich einen gewissen Standard zu erarbeiten, sei es vom Tellerwäscher zum Chef eines kleinen Cafés in der Hafenstadt Rubacava…

… oder vom Matrosen eines heruntergekommen Frachters zum Kapitän eines prächtigen Schiffs. Die Story ist dabei stets gespickt mit „plot twists“ und „WTF“-Momenten! 🙂

Fun Fact: Ich übertreibe nicht – an einer Stelle muss man brennende Bieber mit einem Feuerlöscher löschen. 😀

Wo Licht ist, ist natürlich auch immer etwas Schatten. Gerade die obskure (teils unpräzise wirkende) Steuerung verknüpft mit mikroskopisch kleinen Gegenständen (keine Hotspotanzeige) lassen einen manchmal verzweifeln. Das ist leider auch gleichzeitig der größte Kritikpunkt des Spiels. Die Entwickler wollten mit der merkwürdigen Tastatursteuerung besonders innovativ sein und das hat leider nicht ganz so gut funktioniert. Aus heutiger Sicht ist es unverständlich, wieso man nicht auf eine reine Maussteuerung (wie beim ein Jahr früher erschienenen „Curse of Monkey Island“) gesetzt hat – sehr untypisch für ein Adventure dieser Zeit!

Fun Fact: Enthusiastische Fans haben sogar einen Patch gebastelt, mit dem eine „normale“ Point-and-Click-Steuerung nachgerüstet werden kann – Wahnsinn! 🙂

Ebenso kann einen die Optik des Spiels gelegentlich etwas verwirren. Jeder Ort im Spiel besteht aus mehreren Einzelbildern, wobei jedes dieser Bilder den Ort aus einer anderen Perspektive zeigt. So kann es sein, dass man von einem Bildschabschnitt zum nächsten wandert nur um nach einer Sekunde festzustellen, dass sich die Perspektive geändert hat und man wieder zurück in den vorherigen Ausschnitt gelaufen ist.

Fun Fact: Man merkt eindeutig, dass das Spiel in der Übergangszeit zwischen 2D und 3D entwickelt wurde. Ich habe den Eindruck, dass sich Grim Fandango nicht ganz sicher ist, was es eigentlich sein will. Mich erinnert es mit den wechselnden Perspektiven etwas an die „Resident Evil“-Spiele…

Nicht nur am Gameplay merkt man, dass das Spiel bereits ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Mir ist das besonders beim Schwierigkeitsgrad aufgefallen – Grim Fandango ist definitiv kein leichtes Spiel. Zwar gibt es nur wenige Items, welche im Inventar verwaltet werden müssen und auch eine Kombination von Items ist nicht möglich, aber herauszufinden was jetzt an welcher Stelle getan werden muss kann einem schon die Stirn runzeln lassen. Viele Rätsel wirken etwas „um die Ecke“ gedacht und man braucht schon viel Geduld (oder ein Lösungsbuch) um das Adventure zu absolvieren.

So gibt es zahlreiche „unkonventionelle Lösungen“ für bestimmte Rätsel, bei denen „kreative“ Lösungsansätze gefragt sind. Euer Protagonist kommt nicht an die Leiter, die auf das Dach führt? Probiert es mal mit einer Koralle (wegen der entfernt ähnlichen Form eines Enterhakens). Oder wie wäre es damit: Euer Fahrzeug ist mit einer Bombe in Form einer Dominokette samt TNT-Auslöser verkettet? Bringt Glottis dazu sich zu übergeben, denn scheinbar besteht das Erbrochene eines Dämon aus Gelatine, welche sich im Zusammenspiel mit einer weiteren Zutat zu einem begehbaren Boden kristallisiert – ist klar. 😀

Lasst euch davon aber nicht abschrecken! Je weiter man sich in die bizarre Welt hineinfuchst, desto mehr versteht man auch die Zusammenhänge. Hinter den ganzen Machenschaften steckt der bösartige Hector LeMans, welcher… Puh, ich muss mich bremsen die Geschichte nicht noch weiter zu erzählen – zu viel will ich ja auch nicht spoilern, falls einer von euch mal das Spiel selbst spielen möchte! 😉

Apropos selber spielen: Hier gibt es wie immer mehrere Möglichkeiten. Sofern man das originale alte Spiel noch besitzt, kann man es auf einem alten Rechner oder über einen Emulator (z.B. ScummVM) spielen.

Wer keine Lust auf „Gebastel“ hat, für den habe ich gute Nachrichten: 2015 erschien „Grim Fandango Remastered“ für zahlreiche Plattformen (z.B. PS4, Android, IOS, PC, Switch, …)

Fun Fact: Ich habe erst kürzlich die Switch-Version des Spiels gespielt. Einerseits cool, dass man das Spiel auf der Couch (oder unterwegs) spielen kann, aber gleichzeitig war ich generell von der Remastered-Version etwas enttäuscht. Außer ein paar Schatten, überarbeiteter Steuerung und einem via Orchester eingespieltem Soundtrack haben es sich die Entwickler leichtgemacht und nichts weiter verändert. Sehr schade, sieht für mich etwas nach verschenktem Potenzial aus…

Tja, was soll ich jetzt abschließend zu „Grim Fandango“ sagen? Es ist ein brillantes Spiel mit tollem Humor, knackigen Rätseln, coolem Jazz- bzw. Big-Band-Soundtrack. Die Story, sowie die Charaktere passen perfekt in das skurrile Setting und die gelegentlichen Zwischensequenzen waren für die damalige Zeit bahnbrechend. Sehr positiv ist auch die deutsche Synchronisation (samt mexikanisch angehauchtem Akzent) des Spiels hervorzuheben – man hat wirklich das Gefühl die Charaktere müssten genau so klingen wie sie es tun.

Tatsächlich erinnert mich Grim Fandango etwas an Conker’s Bad Fur Day (Artikel 79). Zwar entspringen beide Spiele komplett unterschiedlichen Genres, aber doch haben sie einiges gemeinsam. Für sich betrachtet sind es Meisterwerke ihrer Zeit, welche exakt einen Nerv getroffen haben. Eine Fortsetzung würde bei beiden Spielen nicht funktionieren, ich denke das ist es was sie so besonders macht. Für mich persönlich gibt es eine weitere Parallele: Während mir das Gesamtpaket jeweils sehr gut gefällt, hat mich das Gameplay (z.B. dank unpräziser Steuerung) beinahe häufig zur Weißglut getrieben. Vielleicht liegt das aber auch nur an mir. 😀

Wie dem auch sei, ich kann es euch nur ans Herz legen einen Blick auf Grim Fandango zu werfen. Lasst euch verzaubern von einer surrealen Welt mit sarkastischen Skeletten und einer köstlichen Prise schwarzer Humor … 😉

In diesem Sinne – um den guten Sal zu zitieren: „Viva la Revolución“! 🙂

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